Lemuria – ein Name, der seit über 150 Jahren Geologen, Esoteriker, Nationalisten und Romanautoren gleichermaßen fasziniert. Soll hier einst ein mächtiger Kontinent im Indischen Ozean existiert haben, die Wiege einer vergessenen Menschheit? Dieser Artikel stellt die These vor und prüft sie anhand wissenschaftlicher Quellen.

Die Palaeoseti These
Stell dir vor, es gäbe einen Kontinent, der einst den gesamten Indischen Ozean ausfüllte – ein Land, das älter ist als alle uns bekannten Kulturen und das von einer Menschheit bewohnt wurde, von der wir heute kaum noch eine Spur kennen. Genau davon berichten uralte Überlieferungen, und genau das legen bestimmte Befunde der Archäologie und Zoologie nahe.
Der Ausgangspunkt ist ein zoologisches Rätsel, das Wissenschaftler bis heute beschäftigt: Lemuren – jene faszinierenden Halbaffen – leben ausschließlich auf Madagaskar sowie in Teilen Vorderindiens. Weil diese Tiere auf zwei voneinander weit entfernten Landmassen vorkommen, ohne auf dem gesamten Kontinent dazwischen zu existieren, kamen der Biologe Ernst Haeckel und der Geologe Philip Sclater unabhängig voneinander zur gleichen Schlussfolgerung: Zwischen Indien und Madagaskar muss einst ein Landkontinent existiert haben, der heute versunken ist. Sclater gab ihm deshalb 1874 den Namen Lemuria.
Allerdings ist Lemuria weit mehr als eine zoologische Hypothese. Die Theosophin Helena Petrovna Blavatsky beschrieb in ihrem monumentalen Werk „The Secret Doctrine“ (1888) einen Kontinent, der sich von Tibet und der Mongolei bis nach Australien, zu den Osterinseln und nach Madagaskar erstreckte. Weil Blavatsky Zugang zu altem Geheimwissen beanspruchte, schilderte sie diesen Kontinent als die Heimat der sogenannten Dritten Wurzelrasse – einer frühen Menschheit, die spirituell reiner war als alle späteren Kulturen, bevor eine große Katastrophe Lemuria schließlich in den Tiefen des Ozeans verschwinden ließ.
Besonders eindrucksvoll ist jedoch die tamilische Überlieferung. Im Süden Indiens berichten jahrtausendealte Texte von Kumarikkandam – einem versunkenen Land südlich der Südspitze Indiens, das als die eigentliche Urheimat der tamilischen Zivilisation gilt. Die mittelalterliche Kommentarliteratur zur Sangam-Dichtung beschreibt drei legendäre Dichterakademien, von denen zwei durch eine große Flutkatastrophe im Meer versanken. Da diese Überlieferungen unabhängig von der europäischen Lemuria-These entstanden, wirken sie umso überzeugender – sie klingen weniger nach literarischem Konstrukt als vielmehr nach dem kollektiven Gedächtnis eines Volkes, das seine Vergangenheit mündlich über Jahrtausende bewahrt hat.
Und dann ist da noch ein Befund aus Sibirien, der die Diskussion neu entfachte: Bei einer Ausgrabung bei den Skythen wurden Abbildungen von Katta-Lemuren aus Madagaskar identifiziert – einem Tier, das in Sibirien zoologisch schlicht nicht existiert. Weil die Skythen weit von Madagaskar entfernt lebten, stellt sich die Frage, woher sie eine so präzise Kenntnis dieses Tieres hatten. Handelsrouten über einen heute versunkenen Kontinent könnten die Verbindung erklären – sofern man bereit ist, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
Die Frage, die am Ende bleibt, ist daher keine rein archäologische – sie ist eine zivilisatorische: Wenn Lemuria nie existiert hat, warum erinnern sich so viele voneinander unabhängige Kulturen an dasselbe versunkene Land?
Wissenschaftliche Stellungnahme
Der Ursprung der These
Der Name Lemuria geht auf den britischen Geologen Philip Sclater zurück, der ihn 1874 prägte. Obwohl die Idee heute überholt klingt, war sie zu ihrer Zeit wissenschaftlich legitim: Im 19. Jahrhundert war die Idee wandernder Kontinente noch völlig unbekannt, weshalb Landbrücken als plausibelste Erklärung für die Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten über weite Meeresräume galten. Zudem hatte bereits Ernst Haeckel die Hypothese unabhängig entwickelt, sodass sie in der Fachwelt zunächst breite Resonanz fand.
Die Plattentektonik macht Lemuria überflüssig
Mit Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung ab 1912 und ihrer endgültigen Bestätigung durch Messungen an mittelozeanischen Rücken in den 1960er-Jahren wurde die Lemuria-Hypothese jedoch wissenschaftlich obsolet. Die Plattentektonik erklärt die Verbreitung der Lemuren vollständig: Weil Madagaskar, Indien und Afrika einst Teil des Superkontinents Gondwana waren, lebten die Lemuren-Vorfahren bereits auf diesem gemeinsamen Landmassekomplex – bevor die Kontinente sich über Jahrmillionen langsam voneinander trennten.
Entscheidend ist dabei außerdem ein physikalisches Grundprinzip: Kontinentale Platten bestehen aus leichterem Gestein als der ozeanische Meeresboden, weshalb sie buchstäblich auf dem schwereren Erdmantel schwimmen und nicht einfach „versinken“ können. Ein Kontinent, der wie Lemuria innerhalb weniger Jahrtausende im Ozean verschwunden sein soll, widerspricht daher den fundamentalen Gesetzen der Geologie.
Die theosophische Umdeutung
Was die Wissenschaft als überholte Landbrückenhypothese zu den Akten legte, erlebte in der Esoterik dennoch eine bemerkenswerte Karriere. Helena Blavatsky übernahm das Konzept zwar, baute es jedoch in ihr theosophisches Weltbild ein und verwandelte es dabei grundlegend. Ihre Beschreibung der Bewohner Lemurias – über zwei Meter große, einäugige, eierlegende Wesen mit telepathischen Fähigkeiten, die Dinosaurier als Haustiere hielten – hat mit dem ursprünglichen geologischen Konzept nichts mehr gemein. William Scott-Elliot vertiefte diese Umdeutung 1896 in „The Story of Atlantis and Lost Lemuria“, obwohl er dabei keinerlei empirische Belege vorweisen konnte.
Kumarikkandam – Mythologie oder Geschichte?
Die tamilische Tradition von Kumarikkandam ist kulturhistorisch bedeutsam, jedoch keine archäologische Quelle. Die Überlieferungen stammen aus mittelalterlichen Kommentaren zur Sangam-Literatur – also aus Texten, die Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen verfasst wurden, weshalb ihr historischer Quellenwert begrenzt ist. Unterwasserarchäologische Untersuchungen im Golf von Mannar und vor der Südküste Indiens haben bisher zudem keine Belege für versunkene Stadtanlagen aus einer prähistorischen Hochzivilisation geliefert. Der Meeresspiegel stieg nach der letzten Eiszeit zwar tatsächlich um 60–120 Meter an, allerdings erklärt das allenfalls das Überfluten von Küstenstreifen – nicht jedoch das Versinken eines gesamten Subkontinents.
Die Skythen und die Lemuren
Der Befund aus Sibirien – Abbildungen von Katta-Lemuren bei den Skythen – ist archäologisch interessant, stellt aber keinen Beleg für Lemuria dar. Weil die Skythen ausgedehnte Handelsnetzwerke unterhielten, die von der Schwarzmeerregion bis nach Zentralasien und in den Fernen Osten reichten, wurden exotische Tiere und deren Abbildungen als Handelsgüter und Statussymbole über enorme Entfernungen transportiert. Eine Kenntnis madagassischer Tiere über diese Handelswege ist daher weitaus wahrscheinlicher als ein versunkener Brückenkontinent.
Fazit
Lemuria beginnt als seriöse wissenschaftliche Hypothese des 19. Jahrhunderts und endet schließlich als esoterisches Konstrukt. Obwohl der Weg von Sclaters nüchterner Landbrückenhypothese zu Blavatskys telepathischen Reptilienmenschen zunächst unwahrscheinlich klingt, ist er gut dokumentiert. Die Plattentektonik hat die Frage nach der Verbreitung der Lemuren längst beantwortet – und zwar ohne dass dafür ein versunkener Kontinent nötig wäre. Lemuria ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie ein wissenschaftlicher Begriff durch esoterische Umdeutung seinen ursprünglichen Sinn verliert.
Literatur
Primärquellen & historische Werke
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Haeckel, E. (1868): Die natürliche Schöpfungsgeschichte. Georg Reimer, Berlin.
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Sclater, P. L. (1874): The Mammals of Madagascar. In: Quarterly Journal of Science, Vol. 11, S. 213–219.
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Blavatsky, H. P. (1888): The Secret Doctrine. The Synthesis of Science, Religion and Philosophy. Theosophical Publishing Company, London.
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Scott-Elliot, W. (1896): The Story of Atlantis and the Lost Lemuria. Theosophical Publishing Society, London.
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Wegener, A. (1912): Die Entstehung der Kontinente. In: Geologische Rundschau, Vol. 3, S. 276–292.
Tamilische Überlieferung
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Zvelebil, K. (1992): Companion Studies to the History of Tamil Literature. Brill, Leiden.
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Ramaswamy, S. (2004): The Lost Land of Lemuria – Fabulous Geographies, Catastrophic Histories. University of California Press, Berkeley.
Online-Quellen
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Spektrum der Wissenschaft – Lexikon der Biologie: Lemuria
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Scienceblogs – Astrodicticum Simplex (2011): Lemuria: wenn Wissenschaft zu Esoterik wird
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Atlantisforschung.de: Die Theosophen und Lemuria
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Psiram.de: Lemurien
