{"id":1703,"date":"2024-07-15T09:13:30","date_gmt":"2024-07-15T07:13:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.palaeoseti.de\/?p=1703"},"modified":"2026-06-12T10:42:49","modified_gmt":"2026-06-12T08:42:49","slug":"der-kensington-runenstein-wikinger-relikt-oder-patriotische-faelschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.palaeoseti.de\/?p=1703","title":{"rendered":"Kensington Runenstein"},"content":{"rendered":"<h1>Der Kensington-Runenstein \u2013 Wikinger-Relikt oder patriotische F\u00e4lschung?<\/h1>\n<p>Im Jahr 1898 entdeckte der schwedische Einwanderer und Farmer Olof Ohman einen grauen Sandsteinblock in der N\u00e4he von Kensington, Minnesota. Der rund 92 Kilogramm schwere Stein tr\u00e4gt eine Inschrift in Runenschrift, die auf den ersten Blick auf eine nordische Expedition im Jahr 1362 verweist. Seither gilt der Kensington-Runenstein als eines der kontroversesten Artefakte in der Geschichte der pr\u00e4kolumbianischen Nordamerikaforschung.<\/p>\n<h2>Die Inschrift und ihre \u00dcbersetzung<\/h2>\n<p class=\"Textk_rper tm6\">Der Text verteilt sich auf neun Zeilen auf der Vorderseite und drei Zeilen am Rand des Steins. Die Vorderseite lautet in \u00dcbersetzung:<\/p>\n<p>Vorderseite:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a08 : g\u00f6ter : ok : 22 : norrmen : po :<br \/>\n&#8230;o : opdagelsef\u00e4rd : fro :<br \/>\nvinland : of : vest : vi :<br \/>\nhade : l\u00e4ger : ved : 2 : skj\u00e4r : en :<br \/>\ndags : rise : norr : fro : deno : sten :<br \/>\nvi : var : ok : fiske : en : dagh : \u00e4ptir :<br \/>\nvi : kom : hem : fan : 10 : man : r\u00f6de :<br \/>\naf : blod : og : ded : AVM :<br \/>\nfr\u00e4lse : \u00e4f : ill\u00fc.<\/p>\n<p>\u201e8 G\u00f6ter [G\u00f6tal\u00e4nder, d. h. Schweden] und 22 Norweger auf Entdeckungsfahrt von Vinland nach Westen. Wir hatten Lager bei 2 Sch\u00e4ren, eine Tagesreise n\u00f6rdlich von diesem Stein. Wir waren einen Tag lang beim Fischen. \u2013 Nachdem wir heimgekommen waren, fanden [wir] 10 M\u00e4nner rot von Blut und tot. AVM, befreie [uns] von [dem] \u00dcbel!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Rand erg\u00e4nzt:<\/p>\n<blockquote><p>h\u00e4r : (10) : mans : ve : havet : at : se :<br \/>\n\u00e4ptir : vore : skip : 14 : dagh : rise :<br \/>\nfrom : deno : \u00f6h : ahr : 1362<\/p>\n<p>Haben 10 Mann am Meer, um 14 Tagesreisen von dieser Insel nach unsern Schiffen zu sehen. [Das] Jahr [ist] 1362.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_1705\" aria-describedby=\"caption-attachment-1705\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1705 size-medium\" src=\"https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-253x300.jpg\" alt=\"\" width=\"253\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-253x300.jpg 253w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-864x1024.jpg 864w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-768x910.jpg 768w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-465x550.jpg 465w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910-422x500.jpg 422w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Kensington-runestone_flom-1910.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1705\" class=\"wp-caption-text\">By Book author: George T. Flom &#8211; Foldout illustration to book &#8222;The Kensington Rune-Stone : an address&#8220;, Public Domain, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6214263\">Link<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<h2>Hjalmar Holand und die fr\u00fche Rezeption<\/h2>\n<p>Der junge Amerikaner norwegischer Abstammung Hjalmar Rued Holand (1872\u20131963) begeisterte sich f\u00fcr die These einer pr\u00e4kolumbianischen Entdeckung Amerikas durch nordische Seefahrer. Den Kensington-Stein sah er als Beweis seiner Theorie und als letztes Zeugnis der schwedisch-norwegischen Knudson-Expedition (1355\u20131364). 1907 \u00fcberredete er Ohman, ihm den Stein f\u00fcr zehn US-Dollar zu verkaufen. Anschlie\u00dfend ver\u00f6ffentlichte er die erste vollst\u00e4ndige \u00dcbersetzung des Runentextes, veranlasste eine beeidete Aussage des Finders und holte Gutachten \u00fcber das Alter der Esche sowie den Verwitterungsgrad des Steins ein. F\u00fcnfzig Jahre lang verteidigte Holand die Echtheit des Steins. Andere Gelehrte unterst\u00fctzten ihn dabei. Heute herrscht in der Fachwelt jedoch Einigkeit: Der Stein ist eine F\u00e4lschung.<\/p>\n<h2>Zur Echtheit<\/h2>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Zweifel an der Echtheit entstanden fr\u00fch. Historiker wiesen zun\u00e4chst auf die inhaltliche Unplausibilit\u00e4t hin: Reisende, die inmitten eines fremden Landes zehn erschlagene Gef\u00e4hrten vorfinden, h\u00e4tten kaum Zeit und Mu\u00dfe gehabt, aufwendig Runen in einen Stein zu mei\u00dfeln.<\/p>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Sprachwissenschaftler erkannten zudem, dass der Text eine krude Mischung aus verschiedenen skandinavischen Sprachen und Englisch darstellt \u2013 verfasst von jemandem ohne Kenntnisse des Altnordischen. Aufschlussreich ist dabei ein Detail aus Ohmans Besitz: Der Farmer, der kaum eine Schulbildung genoss, besa\u00df ein schwedisches Handbuch mit dem Titel <em>Der kenntnisreiche Schulmeister<\/em>. Dieses enthielt ein unvollst\u00e4ndiges Kapitel \u00fcber Runen sowie ein Vaterunser mit der Zeile \u201eund erl\u00f6se uns von dem \u00dcbel&#8220; \u2013 exakt jene Formulierung, die sich auf dem Kensington-Stein findet.<\/p>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Weitere sprachliche M\u00e4ngel verst\u00e4rken den F\u00e4lschungsverdacht: Altnordisches Vokabular, Syntax und Grammatik werden konsequent missachtet. Auf echten mittelalterlichen Runensteinen erscheinen Jahreszahlen nicht als Ziffern, sondern als Regierungsjahre, und Zahlen werden ausgeschrieben. Inzwischen haben alle skandinavischen Runologen und Experten f\u00fcr skandinavische Linguistik den Stein als F\u00e4lschung identifiziert.<\/p>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Der emeritierte Professor f\u00fcr Skandinavistik und Sprachwissenschaft der Universit\u00e4t Uppsala, Staffan Fridell, untersuchte die Runenformen systematisch. Er stellte fest, dass sie aus f\u00fcnf Quellgruppen stammen, die ausschlie\u00dflich aus den schwedischen Provinzen Dalarna, H\u00e4lsingland und Medelpad bekannt sind \u2013 und zwar aus einem Zeitraum zwischen 1870 und 1911. Keine der Inschriften dieser Quellgruppen ist vor 1870 belegt. Fridell schlussfolgert daraus, dass die Kensington-Runen um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Hersteller verortet er in der Gemeinde \u00c4lvdalen in Dalarna.<\/p>\n<h3><strong>Die Argumente der Bef\u00fcrworter<\/strong><\/h3>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Bef\u00fcrworter halten dagegen: Skandinavische Seefahrer unternahmen seit Jahrhunderten weitreichende Entdeckungsreisen. Der Runenstein k\u00f6nnte Teil einer bislang unbekannten Expedition ins Landesinnere sein. Die Abgelegenheit des Fundorts \u2013 Minnesota liegt weit von den \u00fcblichen Wikinger-Routen entfernt \u2013 deuten manche als Indiz f\u00fcr eine geplante Expedition, nicht f\u00fcr einen Scherz. Einige Runologen verweisen zudem darauf, dass ungew\u00f6hnliche Runenformen und grammatikalische Strukturen mit regionalen Variationen skandinavischer Schriftsprache erkl\u00e4rbar sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Diese Argumente finden in der Fachwelt jedoch kaum Resonanz. Vergleichbare arch\u00e4ologische Belege f\u00fcr eine nordische Pr\u00e4senz in Minnesota im 14. Jahrhundert fehlen vollst\u00e4ndig. Anders als bei den gut dokumentierten \u00dcberresten in L&#8217;Anse aux Meadows in Neufundland gibt es keinen einzigen glaubw\u00fcrdigen materiellen Fund, der die Inschrift st\u00fctzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Argumente der <\/strong>Skeptiker<\/h3>\n<p>Kritiker hingegen halten den Kensington-Runenstein f\u00fcr einen modernen Scherz, der entweder von Olof Ohman selbst oder einer anderen Person seiner Zeit in Umlauf gebracht wurde. Einige Experten weisen darauf hin, dass die Runeninschrift Merkmale aufweist, die eher mit der modernen schwedischen Sprache des 19. Jahrhunderts als mit mittelalterlichem Altnordisch \u00fcbereinstimmen. Auch stilistische Ungereimtheiten und ungew\u00f6hnliche Runen lassen Zweifel aufkommen.<\/p>\n<p>Linguistische Analysen haben zudem gezeigt, dass einige der verwendeten Runen und W\u00f6rter zu jener Zeit in der skandinavischen Welt unbekannt waren oder als Erfindungen moderner Runologen gelten k\u00f6nnten. Besonders der Sprachgebrauch, wie die Zahlenangaben und die Struktur der Runeninschrift, wird von Fachleuten als untypisch f\u00fcr mittelalterliche Inschriften bezeichnet.<\/p>\n<p>Die Historiker und Arch\u00e4ologen, die sich mit dem Runenstein auseinandersetzen, betonen, dass keine weiteren arch\u00e4ologischen Funde den Inhalt der Inschrift st\u00fctzen. Anders als bei den \u00dcberresten skandinavischer Siedlungen in L\u2019Anse aux Meadows in Neufundland gibt es keine glaubw\u00fcrdigen Beweise f\u00fcr eine nordische Pr\u00e4senz in Minnesota im 14. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Staffan Fridell, emeritierter Professor f\u00fcr Skandinavistik und Sprachwissenschaft der Universit\u00e4t Uppsala, hat in einer Untersuchung der Runenformen der Inschrift festgestellt, dass sie aus f\u00fcnf Quellgruppen aus Schweden bekannt sind. Diese Gruppen beziehen sich auf die Provinzen Dalarna, H\u00e4lsingland und Medelpad aus einem datierbaren Zeitraum zwischen 1870 und 1911. Fridell wertet die relative Einheitlichkeit der Runen und die Tatsache, dass keine der Inschriften der Quellgruppen vor 1870 unbekannt ist, als Hinweise darauf, dass die \u201eKensington-Runen\u201c um die Mitte des 19. Jahrhunderts gefertigt wurden.<\/p>\n<ul>\n<li>Langzweigrunen vom Typ der Wikingerzeit, wie sie (wahrscheinlich) aus der Runenliteratur des 19. Jahrhunderts publiziert wurden (\u201eDer kenntnisreiche Schulmeister\u201c) von Carl Rosander von 1857 (und andere).<\/li>\n<li>Nachempfundene Runen des \u201edalecarlischen Typs\u201c.<\/li>\n<li>Runen, die neu erstellt wurden nach darlecarlischen Vorlagen, sodass Fridell die Hersteller der Inschrift in der Gemeinde \u00c4lvdalen in Dalarna verortete.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Kontext: Wikingermanie und Identit\u00e4tspolitik<\/h2>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">Der Stein tauchte in einer Zeit auf, als skandinavische Einwanderer in den USA stolz auf ihre Herkunft waren und aktiv nach Belegen f\u00fcr eine historische Pr\u00e4senz in der Neuen Welt suchten. Dieser Kontext macht eine patriotisch motivierte F\u00e4lschung \u2013 ob als gut gemeinter Scherz oder bewusste T\u00e4uschung \u2013 historisch plausibel.<\/p>\n<p class=\"font-claude-response-body break-words whitespace-normal\">In Minnesota ist der Kensington-Runenstein l\u00e4ngst zum Kulturobjekt geworden. Ein Museum in Alexandria widmet ihm eine umfangreiche Ausstellung. Die Faszination f\u00fcr den Stein h\u00e4lt an \u2013 unabh\u00e4ngig davon, was er tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ob der Kensington-Runenstein wirklich Beweise f\u00fcr die Anwesenheit nordischer Entdecker im Herzen Nordamerikas liefert oder ein moderner Scherz ist, bleibt umstritten. Klar ist jedoch, dass der Stein ein faszinierendes Beispiel f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Geschichte, Arch\u00e4ologie und Identit\u00e4t darstellt. F\u00fcr Bef\u00fcrworter und Kritiker gleicherma\u00dfen ist der Kensington-Runenstein ein Symbol daf\u00fcr, wie historische Entdeckungen kulturelle Narrative pr\u00e4gen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Mythos befeuern k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"mceTemp\"><\/div>\n<figure id=\"attachment_2194\" aria-describedby=\"caption-attachment-2194\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2194 size-large\" src=\"https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-1024x806.jpg\" alt=\"&lt;a href=&quot;https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:RFC_Ohman_med_KRS.jpg&quot;&gt;Hjalmar Rued Holland&lt;\/a&gt;, &lt;a href=&quot;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0&quot;&gt;CC BY-SA 4.0&lt;\/a&gt;, via Wikimedia Commons\" width=\"1024\" height=\"806\" srcset=\"https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-1024x806.jpg 1024w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-300x236.jpg 300w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-768x604.jpg 768w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-1536x1208.jpg 1536w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-2048x1611.jpg 2048w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-465x366.jpg 465w, https:\/\/www.palaeoseti.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/RFC_Ohman_med_KRS-636x500.jpg 636w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2194\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:RFC_Ohman_med_KRS.jpg\">Hjalmar Rued Holland<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">CC BY-SA 4.0<\/a>, via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kensington-Runenstein \u2013 Wikinger-Relikt oder patriotische F\u00e4lschung? 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